H. Berthold AG Firmeneingang

»GGL ist Berthold« – dieses geflügelte Wort konnte nur entstehen, weil hier jemand eine Sache mit leidenschaftlicher Integrität und innerer Überzeugung vertrat, die auf eigener Leistung und Einsatz beruht. Über vierzig Jahre war Günter Gerhard Lange für die H. Berthold AG tätig, davon dreißig als Künstlerischer Leiter und zwanzig als Prokurist. 1950 tritt er mit dem Vorsatz an, so gute Schriften zu schaffen wie die Monotype. Mit seinem hohen Qualitätsanspruch gelingt es GGL, aus der von der Konkurrenz gerne belächelten Messinglinien- und Reklamebude Berthold heraus eine Schriftenbibliothek aufzubauen, die Weltgeltung erreichen konnte.

»Präzis wie Berthold Messing«

Hermann Berthold (1831–1904) gründete 1858 in Berlin das »Institut für Galvanotypie« zur Herstellung von Messinglinien und galvanoplastischen Arbeiten für den Buchdruck. Er war nicht nur Unternehmer, sondern auch Erfinder in einer Person. So erreichte er durch die Verwendung von Messing statt bisher Blei oder Zink eine präzisere Liniendicke bei gleichzeitig höherer Langlebigkeit. Weitere Erfindungen sind 1864 der Winkelhaken mit Keilhebelverschluss und 1878 ein Typometer, das zum Standard-Maßsystem im deutschen Schriftgießereigewerbe wurde.

Wachstum und Zerstörung

Dem werbewirksamen Motto »Präzis wie Berthold Messing« gemäß wuchs die Firma stetig und war 1918 die weltweit größte Schriftgießerei. Das Unternehmen florierte weiter durch laufende Zukäufe, eigene Gründungen und Übernahmen von Schriftgießereien. Ende des zweiten Weltkriegs wurde der Berliner Hauptbetrieb bei einem Bombenangriff getroffen. Im Zuge der Kämpfe um Berlin verbrannte Ende April 1945 das gesamte Schriftenlager. Wertvolle Matritzenbestände wurden dabei vernichtet. Der Betrieb kam eine Zeit lang völlig zum Erliegen.

Aufbau der Schriftenbibliothek

Zum Zeitpunkt des Tätigkeitbeginns Günter Gerhard Langes für die H. Berthold AG ist der Bedarf an neuen und schnell herzustellenden Werbeschriften enorm. GGL entwirft zunächst kalligraphische Schreibschriften wie Derby, Solemnis, Boulevard, Champion, EI Greco und als erste Mengensatzschrift die Arena. Obwohl Berthold schon immer schwerpunktmäßig im Akzidenzsatz und in der Werbung tätig war, forciert GGL nun systematisch die Entwicklung von anspruchsvollen Werkschriften. Mit dem Umbau von Blei- auf Fotosatz beginnt schließlich der konsequente Aufbau der Schriftenbibliothek: Werbeschriften, klassische Textschriften und zeitgenössische Exklusivschriften.

→ siehe auch Schriften
H. Berthold AG Werbebroschüre »Berthold-Schriften für Sie«, Design: Günter Gerhard Lange, undatiert
H. Berthold AG diatype Schriftscheibe Akzidenz-Grotesk fett

GGL, der Fotosatzbefürworter

Der Wechsel von Blei- zum Fotosatz in einem 500 Jahre alten Handwerk innerhalb von etwas mehr als zehn Jahren kann nur als umwälzende Revolution bezeichnet werden. Bei der H. Berthold AG beginnt diese Revolution bereits 1952. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis das diatyp-Gerät, später diatype, entstehen sollte. Nach längerer Entwicklungszeit mit Kosten in Millionenhöhe wollte der Vorstandsvorsit­zende Thier die ganze Sache stoppen. Günter Gerhard Lange, der die Zeichen der Zeit früh erkannt hatte, konnte sich jedoch durchsetzen. Der Öffentlichkeit wird der Prototyp des ersten Berthold-Fotosatzgerätes zur Drupa 1958 vorgestellt. 1960 kann das Gerät zur Marktreife geführt werden, die Umsatzzahlen steigen.

GGL, der Künstlerische Leiter

1960 wird Günter Gerhard Lange Künstlerischer Leiter der H. Berthold AG, 1961 in Festanstellung. In dieser Funktion zeichnet sich GGL nicht nur für die Berthold-Exklusivschriften verantwortlich, sondern für alle Schriften der Berthold-Bibliothek, inklusive Schriften der ITC und Monotype. Neben diesen zahllosen Bearbeitungen hat sich GGL vor allem durch die Neuinterpretation bewährter Bleisatzschriften für den Fotosatz verdient gemacht, dazu gehören beispielsweise AG Old Face, Baskerville, Caslon, Deepdene, Walbaum Buch und Standard. Außer den eigenen Schriften für den Bleiguss hat GGL für den Fotosatz unter anderem folgende Originalschöpfungen entwickelt: AG Buch, Bodoni Old Face, Concorde, Franklin Antiqua, Garamond, Imago.

→ siehe auch Schriften

Berthold Types Limited

1990 geht Günter Gerhard Lange offiziell in den Ruhestand. 1993, drei Jahre später, muß die H. Berthold AG Konkurs anmelden. Den immer schnelleren technologischen Wandel hatte die wechselnden Vorstände nicht erkannt. 1995 übernehmen Harvey und Melissa Hunt in Chicago die Rechte an Berthold. Für GGL war der Konkurs der Firma, für die er vierzig Jahre gearbeitet hatte und der ungewisse Verbleib der Berthold-Bibliothek ein herber Verlust. Und so übernahm er im Jahr 2000, mit knapp 80 Jahren noch einmal die Leitung der »Berthold Exclusive Collection«. Neu entstanden sind die Schriften Whittingham, Arena New, vier Schnitte der Imago sowie Neubearbeitungen der Akzidenz Grotesk und Bodoni Old Face.

Das Bertholdsignet als Synonym für GGL und umgekehrt. Dies lag nicht zuletzt daran, das GGL durch seine Vorträge, die er während seiner Zeit bei der H. Berthold AG auf Messen, Fachveranstaltungen und Konferenzen hielt bekannt war wie »ein bunter Hund« und die Firma wie kein anderer repräsentierte.

H. Berthold AG: »Imago«, Berthold exklusiv Probe 010, undatiert
H. Berthold AG: »Bodoni Old Face«, Berthold exklusiv Probe 011, undatiert
H. Berthold AG: »Akzidenz-Grotesk, die klassische Grotesk-Schrift”, Berthold exklusiv Probe 013, undatiert
H. Berthold AG: »Walbaum«, Berthold exklusiv Probe 016, undatiert
H. Berthold AG: »Franklin-Antiqua«, Berthold exklusiv Probe 019, undatiert

Günter Gerhard Langes Aufgabengebiete bei der H. Berthold AG

1

Wiederaufbau des Schriftgusses und der Hausdruckerei vorrangig Entwicklung neuer Werbeschriften, darunter auch eigene

2

Durchsetzung der Diatype und des Fotosatzes, Entwicklung neuer Fotosatz-Schriften

3

Übertragung von Bleigussschriften in den Fotosatz

4

Konzeption, Text und Gestaltung von Firmen-Drucksachen, Schriftproben, Fachartikeln, Büchern und schriftgeschichtlichem Ausbildungs- und Marketingmaterial

5

Aufbau der Textschriften für die Berthold-Schriftenbibliothek und die Exklusiv-Bibliothek

6

Schriftdesigner für Bleiguss, Fotosatz, digital

7

Beratung, Korrektur, Realisierung neuer Berthold-Exklusiv-Schriften von anderen Schriftdesignern

8

Übernahme und Bearbeitung von Schriften anderer Hersteller, z.B. ITC, Monotype, Linotype

9

Vorträge im In- und Ausland, durchschnittlich 33 Mal im Jahr (siehe Vorträge)

Weiterführende Literatur zur H. Berthold AG

Das Haus Berthold 1858—1921 (1921)
Zum 25-jährigen Bestehen der Aktiengesellschaft herausgegeben.

100 Jahre Berthold. Gestaltung von Günter Gerhatd Lange

100 Jahre Berthold (1958)
Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der H. Berthold AG am 1. Juli 1958.

Die Berthold-Gruppe (1973)
Daten und Fakten zur Geschichte und Entwicklung des Konzerns.

Berthold Journal: 125 Jahre [1983]
Zum 125-jährigen Firmenjubiläum 1983.

Literatur

  1. Hermann Hoffmann [Hrsg.]: Das Haus Berthold 1858–1921: zum 25-jährigen Bestehen der Aktiengesellschaft. Berlin: A. Wohlfeld in Magdeburg, 1921.

  2. H. Berthold [Hrsg.]: 100 Jahre Berthold: Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der H. Berthold Messinglinienfabrik und Schriftgiesserei AG, Berlin, Stuttgart, am 1. Juli 1958. Berlin, Stuttgart: H. Berthold AG, 1958.

  3. H. Berthold AG [Hrsg.]: Die Berthold Gruppe. Berlin: H. Berthold AG, 1973.

  4. Berthold Journal: 125 Jahre · 125 Years · 125 Ans. Alles Gute zum Geburtstag; Happy Birthday to you; Joyeux anniversaire. Berlin: H. Berthold AG [1983].

  5. Philipp Luidl [Hrsg.]: G.G.L.: Günter Gerhard Lange. Zusammensgestellt, herausgegeben und Günter Gerhard Lange gewidmet von Philipp Luidl. München: Typographische Gesellschaft München, 1983.

  6. Yvonne Schwemer-Scheddin: »Gelebtes Leben ist gelebte Schrift«. In: Deutscher Drucker, Nr. 17, 2. Mai 1991. Seite g34 – g36.

  7. Yvonne Schwemer-Scheddin: »Ein azyklischer Geburtstagsgruß«. In: vier Seiten, Mitteilungen der Typographischen Gesellschaft München e.V., Ausgabe 17, März 2002. Seite 1–2.

  8. Typografische Monatsblätter, 71. Jahrgang, Heft 2. Sonderheft Günter Gerhard Lange. Zürich, 2.2003.

  9. Herbert Lechner: »Schriftschätze und Innovationen – 150 Jahre H. Berthold AG / Typefaces and innovation – 150 years of H. Berthold AG.« In: novum 09/08. München: Stiebner, 2008. Seite 20 – 21.

  10. Yvonne Schwemer-Scheddin: »Schrift, die spröde Geliebte – verlassen«. In: vier Seiten, Mitteilungen der Typographischen Gesellschaft e.V.,Ausgabe 39, März 2009. Seite 1–3.

  11. Wolfgang Beinert: Lange, Günter Gerhard. In: Typolexikon.de, Das Lexikon der Typografie. Online verfügbar unter https://www.typolexikon.de/lange-guenter-gerhard/, abgerufen am 31.3.2021.

Abbildungen

  1. Firmeneingang H. Berthold AG. Quelle: 100 Jahre Berthold, 1958.

  2. Hermann Berthold. Quelle: Das Haus Berthold, 1921.

  3. Quelle: 100 Jahre Berthold, 1958.

  4. Faltblatt »Berthold-Schriften für Sie«. Bestand Kirsten Solveig Schneider

  5. Diatype-Schriftscheibe. Quelle: Industriemuseum.be

  6. Faltblatt »akzidenz grotesk pro«. Bestand Kirsten Solveig Schneider

  7. Signet »GGLange«. Quelle: Typografische Monatsblätter 2.2003

  8. »Imago« Berthold exklusiv Schriftprobe 010. Bestand Kirsten Solveig Schneider

  9. »Bodoni Old Face« Berthold exklusiv Schriftprobe 011. Bestand Kirsten Solveig Schneider

  10. »Akzidenz-Grotesk« Berthold exklusiv Schriftprobe 013. Bestand Kirsten Solveig Schneider

  11. »Walbaum« Berthold exklusiv Schriftprobe 016. Bestand Kirsten Solveig Schneider

  12. Berthold-Publikationen: Bestand Kirsten Solveig Schneider