Erik Spiekermann

Messen mit dem Mäusedarm
So überschrieb ich 1999 einen Vortrag, den ich über Günter Gerhard Langes Arbeit hielt. Das war kein Aperçu, sondern ein Zitat. Ende der siebziger Jahre hatte ich im Auftrag  der Bertholdschen Schriftgießerei einige ihrer alten Bleisatzschriften für den Fotosatz neu gezeichnet und deren künstlerischer Leiter, von jedem nur GGL genannt, korrigierte diese meine ersten ungeschickten Versuche. Seine Korrekturen waren mit hartem Bleistift in schwungvollen, lesbaren Versalien an die Probeabzüge geschrieben und wimmelten vor Anweisungen wie »hier ein Katzenhaar dicker« oder »zwei Mäusedärme leichter«. Auch die weniger phantasievollen Angaben waren ähnlich ungenau im metrischen Sinne: straffer, weicher, auffüllen, zeigten aber, dass GGL nichts verborgen blieb. Er bemängelte, was schlecht, lobte aber auch, was gut und richtig war. […]

Korrekturen der Lo-Type von Günter Gerhard Lange, 1978

GGLs Neuinterpretationen von Klassikern wie Bodoni, Caslon, Walbaum oder Garamond sind so gut, dass sie den meisten Schriftanwendern nie aufgefallen sind. So perfekt hatte er sich eingefühlt in die Vorstellungen der ursprünglichen Entwerfer, dass diese neuen Schriften wirkten, als hätte es sie schon immer gegeben. Das war für ihn das höchste Lob. Neben diesen Adaptionen schuf er Originalentwürfe, von denen jeder für sich zu den besten seiner Kategorie zählt. […]

GGL war mein erstes Vorbild, ein geduldiger Lehrer und ein großer Redner für eine so gute Sache wie diese kleinen Buchstaben. Als ich es 1983 ausschlug, als sein Nachfolger nach Taufkirchen zu gehen, entzog er mir das Du. Sein Angebot hatte mir geschmeichelt, aber ich war zu feige. Niemand konnte je sein Nachfolger sein. Wir haben uns dann wieder vertragen.

Erik Spiekermann

Foto: Dennis Letbetter