Volker Schnebel

Entwicklung der FAZ-Fraktur
Headline-Schrift für Kommentar und Glossar der Frankfurter Allgemeine

G.G. Lange war zu seiner Zeit ein Star. Es war die Zeit des Fotosatz und es brauchte im Gegensatz zu heute viele Beteiligte, um schließlich mit großem Aufwand einen einzigen Schnitt auf eine Fotosatzscheibe zu belichten. An deren Spitze stand G.G. Lange, der künstlerische Leiter von Berthold. Seine Hauptaufgabe war es, die Klassiker aus dem Bleisatz auf den Fotosatz zu übertragen. Seine Zeichnungen zu diesen Überarbeitungen sind legendär.

Ich kannte ihn von vielen ATypI-Seminaren, auf denen er regelmäßig umjubelte Vorträge hielt, in denen es meist um das komplizierte und abenteuerreiche Leben historischer Schriftentwerfer ging.

Als ich 1999 mit der Neuentwicklung einer Frakturschrift für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die ich zusammen mit dem graphischen Leiter der FAZ, J. Jansen entworfen hatte, gescheitert war und nicht weiterkam, gab es in Deutschland kaum jemand anderen, den wir um Hilfe bitten konnten als G.G. Lange. Er war damals schon knapp 80, aber rüstig und voller Tatendrang und kam tatsächlich für eine Woche nach Hamburg, wo wir ihn in einem netten Hotel einquartierten. Er war berühmt für seine umfangreiche Bibliothek von Schriftmustern und so brachte er zu seinem ersten Besuch einen Ausdruck der »Gronau Fraktur« mit, die er in seinem Archiv ausgegraben hatte. Die Gemeinen seien nicht so sehr das Problem, aber vor allem die Versalien sollten wir als Muster aus der Gronau übernehmen. Die Zierstriche, die Jansen und ich herausgenommen hatten, um die Schrift »moderner« zu machen, sollten zwingend wieder hinein und die unteren Zierschwünge, die er Elefantenrüssel nannte, müssten gekappt werden.

Nachdem er gegangen war, arbeitete ich die ganze Nacht und als er am nächsten Mittag wiederkam, staunte er nicht schlecht, dass ich schon sämtliche Versalien der Gronau in Reinzeichenqualität und druckfertig digitalisiert hatte. Es begann nun eine etwa einmonatige, für mich sehr lehrreiche Zeit der Weiterentwicklung, die immer nach dem gleichen Schema ablief: ich fertigte Ausdrucke der aktuellen Zeichnungen sowohl einzeln in ca. 2 cm Versalhöhe als auch in 10 pt Text an. Diese nahm er mit ins Hotel und brachte sie mir am nächsten Tag mit seinen Korrekturzeichnungen zurück. Wir besprachen die Änderungen, ich setzte sie um und brachte ihm neue Ausdrucke ins Hotel. Später, als er schon wieder in München war, schickten wir die Ausdrucke per Post. Wichtig dabei war ihm, dass ich immer mindestens ein Doppel der 2 cm großen Buchstaben ausdruckte, weil er so Teile von Buchstaben ausschneiden und an andere ankleben konnte. So bearbeiten wir zunächst die Versalien, dann die Gemeinen, bei denen wir am Ende doch noch vieles umkrempelten und schließlich die Ziffern, die es als Fraktur gar nicht gibt und die klassizistisch ausgeführt werden müssen.

Wir beide haben in dieser kurzen Zeit sehr harmonisch und in großem gegenseitigen Respekt zusammengearbeitet. Er hat mich »Meister« und »sehr geehrter Herr« genannt und wäre nie auf die Idee gekommen, mir das Du anzubieten. Das hat aber das gegenseitige Verhältnis nicht belastet, sondern hat im Gegenteil den hohen Anspruch, den wir jeder selbst an uns stellten, nur bestärkt. Ich verdanke ihm viel.

Volker Schnebel, 2021