Hans Rudolf Bosshard

GGL und die Nachsichtigkeit
Für die Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der TGM 1990 verfasste ich den Aufsatz »Anmerkungen zum Schriftschaffen seit 1945«. Max Caflisch, der eigentlich den Auftrag dazu hatte, bat mich (aus was für Gründen auch immer), an seiner Stelle den Aufsatz zu schreiben. Nun beging ich aber das unverzeihliche Sakrileg, Günther Gerhard Lange, den renommierten Schriftdesigner und langjährigen künstlerischen Leiter der H. Berthold AG, Berlin, mit keinem Wort zu erwähnen. Ich lenkte auch nicht ein, als mir von der TGM dringend nahegelegt wurde, GGL nicht zu ignorieren. Lange musste sich darauf bei Max Caflisch (wie dieser mir kolportierte) über mich echauffiert haben. – Vor den Mitgliedern der TGM einen Vortrag zu halten, empfand ich immer als Nobilitierung (die mir bis anhin fehlte).

Ende des Jahres 1990 war es dann so weit. Am 11. Dezember sprach ich zum Thema »Die Typografie der Neuzeit«. Der Vortrag fand in einem muffigen, bayrischbraun getäfelten, von Bier- und Wurstgerüchen gesättigten Raum statt. Als ich ankam, versuchte ein schusseliger älterer Herr recht umständlich, Diaprojektoren und Kabel zusammenzuschliessen. Ich stand im noch leeren Saal verlegen herum, bis die ehrwürdigen Münchner Typografen nach und nach eintrudelten. Als einer der Letzten kam GGL. Ich ging schnurstracks auf ihn zu, stellte mich vor und sagte: »Herr Lange, ich hörte, Sie wollten mich ermorden!« »Aber nicht doch, antwortete er freundlich.« (Er wusste sogleich, wovon ich sprach.) In der dem Vortrag folgenden Diskussion – ein Zuhörer hatte gemäkelt, ich hätte nur über Kunst und Architektur und kaum über Typografie gesprochen – hielt G. G. Lange ein nahezu zehnminütiges Plädoyer, in dem er meinen Vortrag, und damit mich, rehabilitierte. Seine unerwartete noble Haltung hat mich sehr beeindruckt.

Hans Rudolf Bosshard