Eckehart SchumacherGebler

Es ist schon einige Tage her …
Es ist schon einige Tage her, daß wir uns zum ersten Mal begegneten. Ich hatte gerade in München ein Satzstudio eröffnet, mit der Folio und anderen Schriften der Bauerschen Gießerei. Später kam die Helvetica dazu, ohne die man bei Werbeagenturen keine Chance hatte. Diese zwei Schriften ließen den Wunsch entstehen, auch die dritte große serifenlose Schrift in den Setzkästen zu haben, die Akzidenz-Grotesk der Gießerei H. Berthold in Berlin. Es sollte der Anfang einer engen Verbindung zu dem traditionsreichen Hause werden. Und zu Günter Gerhard Lange, der dort seit 1950 als freier Mitarbeiter tätig war. Arbeit gab es für ihn genug. Das Unternehmen begann gerade sich von den Folgen der Kriegs- und Nachkriegszeit zu erholen. Neue Prospekte sollten gestaltet, zeitgemäße Schriften, nach denen die Werbung verlangte, entworfen werden. Und Lange war der Mann, der diese Aufgaben bewältigen konnte.

1951 entstand die »Arena«, in kurzer Folge eine Reihe von Schreibschriften mit kalligraphischem Charakter. Den Anfang 1952 machte die »Derby«. Es folgten »Solemnis« (1953), »Boulevard« (1954) und die »Regina«, eine schmale, schattierte, klassizistische Antiqua, offenbar als Ergänzung zu den Schnitten der „Normande“ gedacht. Mit kleinem Abstand die »Champion« (1957) und etwas später die »El Greco« (1964). Ales in allem, eine bewundernswerte Leistung.

In dieser Zeit hat man bei Berthold vorausblickend den Fotosatz als das künftige der Verfahren der Satzherstellung erkannt. Auf der drupa 1958 war es dann soweit, die Diatype konnte zum ersten Mal öffentlich vorgestellt werden. Die Aufnahme seitens der Fachwelt war zurückhaltend. Intensive Überzeugungsarbeit war also geboten. Lange verkroch sich nicht in den Elfenbeinturm des Schriftkünstlers, sondern reiste um die halbe Welt, trat wortgewaltig bei Messen und Fachveranstaltungen auf, hielt Vorträge, verfaßte Artikel für Fachzeitschriften. Gutenbergs Maschinengewehr hat man ihn deswegen auch genannt. In dieser Mission besuchte er auch uns. Und wie überzeugend seine Argumente waren, sieht man daran, daß kurze Zeit später zwei Diatype-Geräte in unserem Studio standen.

Aus der nachfolgenden Zeit sind noch zwei Schriftfamilien zu erwähnen: die »Concorde« und die »Bodoni Old Face«. Erstere war ein Pendant zur »Times« und entstand in Zusammenarbeit mit der Intertype, die keine Rechte an dieser universellen Schrift hatte. Anders die Bodoni. Sie entsprang dem Wunsch, eine Replik zu schaffen, die der Schrift des Italieners so nahekam, wie nur möglich. GGL brachte dem Leiter Bernd Möllenstädt Originaldrucke mit ins Atelier. Eingehend wurde jedes Detail der einzelnen Lettern besprochen. Zeichnungen zu diesen gab es nicht. Möllenstädt hat ihn deshalb einmal einen »verbalen Entwerfer« genannt. Das Ergebnis diese Art Entwurf ist jedoch überzeugend.

Hatte unsere Bekanntschaft mit einem fachbezogenen Thema begonnen, so landeten Gespräche in unserer langjährigen Freundschaft meist ebenfalls bei Typographie, Schrift- und Schriftgeschichte. Schon deshalb, weil wir vielfach Mitglied ein und derselben Vereinigung waren: TGM, ATypI, Type Directors Club u. a. m. Manche Vorhaben für diese Organisationen, Buchausgaben für die TGM, die Jahresversammlung der ATypI 1980 in München, nicht zuletzt Ausstellungen in unserem Hause, sie wurden gemeinsam vorbereitet und realisiert. Unvergessen auch seine Vorträge, Eröffnungsansprachen etc.; vehement, engagiert, temperamentvoll, manchmal auch ein wenig aggressiv, wenn Günter dem Begrüßungswein etwas intensiver zugesprochen hatte.

Betrachtet man das Leben von GGL, es stellt sich fast zwangsläufig die Frage: Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Entwicklung? Ganz sicher wegen seiner frühen Faszination für die Schrift und vielleicht einem Zufall, wenn es Zufälle überhaupt gibt. In einem Gespräch berichtete er, wie er als Schüler in seiner Heimatstadt Frankfurt an der Oder in einem Schaukasten der renommierten Druckerei Trowitzsch & Sohn – die bis 1897 die Matrizen Ungers besaß – ein kalligraphisches Blatt gesehen habe und auf diese Weise mit der Typographie in Berührung gekommen sei. Der Blick auf dieses Schriftenblatt sollte zum Schlüsselerlebnis werden. Er war davon so beeindruckt, daß er mit Hilfe eines Päckchens Zigaretten den Pförtner beschwatzte, ihn ins Haus zu lassen, um mit dem Urheber des Blatts, bekannt zu werden. Erfreut über einen Bewunderer seiner Arbeit, zeigte er dem Jungen den ganzen Betrieb, zuletzt die Setzerei. Auch der Setzerei-Faktor fand Gefallen an dem aufgeweckten Burschen. Ob er nicht Lust hätte, hier mitzuarbeiten. Allerdings unter einer Bedingung, die volle Arbeitszeit der anderen – von halb sieben bis dreiviertel fünf – strikt einzuhalten.

Als der Zweite Weltkrieg begann, meldete sich GGL als Freiwilliger und wurde im Oktober 1939 eingezogen. Er gehörte damit zu jenen Jahrgängen, die die meisten Toten und Verwundeten zu beklagen hatten. Günter Gerhard Lange kam mit dem Leben davon, vielleicht allerdings nur, weil er im Juli 1940 verwundet wurde.

Trotz dem Verlust des Beins, er ließ sich davon nicht unterkriegen, ist er doch zu der Zeit ein durchtrainierter junger Mann. Er ging nach Leipzig, wurde Meisterschüler an der Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe, belegte Kalligraphie, Satz und Druck bei Prof. Georg Belwe, den heute kaum einer kennt, wie auch dessen Schriften, die Belwe-Antiqua u.a. Später wird er Assistent von dem überall geschätzten Walter Tiemann, dem Grandseigneur der Typographie, dessen Schriften – Orpheus, Euphorion, Tiemann-Mediäval – auch heute noch in unserer Offizin Haag-Drugulin vorhanden sind. Zu schaffen macht ihm allerdings das sich immer stärker verfestigende politische System. Bei einem Mann wie Lange, impulsiv und gradlinig, der sich auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, konnten Konflikte nicht ausbleiben. Er ging nach Berlin, ging zu Berthold.

Begleitet hat ihn eine Welt, die er zugleich nachhaltig geprägt und mitgestaltet hat. Es ist eine Welt, die man nicht einfach betreten oder für sich erobern kann. Nein, man muß sie behutsam für sich erschließen, man muß um sie werben, muß sie zu gewinnen suchen. Die Metapher von der Schrift als einer anfänglich spröden Geliebten stammt von Lange selbst. Nur dem, der ihre innere Schönheit, ihre Reize, im ganzen Umfang wahrnimmt und erkennt, und sich dieser auch mit ganzem Herzen hingibt, nur dem öffnet sie sich mit all ihrer Zärtlichkeit, um ihn niemals mehr loszulassen, ihn für immer in ihrem Bann zu ziehen.

Eckehart SchumacherGebler

Eckehart SchumacherGebler und Günter Gerhard Lange auf den Typotagen Leipzig, 2004.
Foto von Michi Bundscherer