Günter Gerhard Langes Schriftschaffen lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Als Künstlerischer Leiter ist er für das gesamte Schriften-Œuvre der H. Berthold AG verantwortlich. In den Anfangsjahren entwirft er Bleisatzschriften für Werbezwecke, unter anderem Derby, Solemnis, Boulevard, Regina, Champion und als erste Mengensatzschrift die Arena. Denn Lange wollte, dass Berthold sich auch dem Maschinensatz öffnet. Neben seinen eigenen Originalschriften wie beispielsweise Akzidenz-Grotesk Buch, Bodoni Old Face, Concorde, Franklin-Antiqua, Garamond und Imago, ist sein schrifthistorisch wertvollster Beitrag die Hebung traditioneller, bewährter Bleisatzschriften und deren Transformierung in den Fotosatz und die digitale Schrifterzeugung. Eine Auswahl eigener Schriften wird hier vorgestellt.

Arena

»Arena«, Berthold Specimen No. 543, undatiert

Die Arena halbfett, eine universell einsetzbare, schmal­ laufende Antiqua mit kräftigem Duktus, ist GGLs erster Schriftentwurf für die H. Berthold AG. 1951 entstand diese ursprünglich als selbstständige Version gedachte halbfette Auszeichnungsschrift und wurde 1952 durch die Grundschrift Arena, 1954 durch die Arena-Kursiv und 1959 schließlich durch die Arena-Kursiv halbfett erweitert. Eine überarbeitete und erweiterte Version der Arena, die von Dieter Hofrichter unter GGLs Aufsicht gezeichnet wurde, erschien 1991 mit der Arena New in acht Schnitten.

Boulevard

Die Boulevard ist eine Schreibschrift, die das Prinzip der englischen Schreibschriften aufgreift, ohne deren Schwächen in technischer Hinsicht zu übernehmen. Sie wurde völlig ohne Überhänge gegossen und hat keine Anschlüsse. Der kalligraphische Charakter dieser Schrift wird durch Ligaturen und einige Endzugbuchstaben unterstützt. Geschnitten wurde die Boulevard in den Graden von 12 bis 60 Punkt.

Regina

Als Hausschnitt entwickelte die Schriftgießerei H. Berthold AG diese lichte schattierte Versalschrift, die von GGL als schmückende Variante zur Normande entworfen wurde. Berthold bewirbt die Regina für den Einsatz auf Buch- und Zeitschriftentiteln, Kalendern, modernen Werbedrucken und feinen Geschäftsdrucksachen sowie in der Kombination mit Schreibschriften und anderen Schriftcharakteren. Sie wurde 1954 in 16 bis 60 Punkt gegossen.

Concorde

Schriftprobe »Weshalb ist die neu Antiqua Concorde von Berthold …«, undatiert [um 1969]

Die Concorde ist eine Zeitungsschrift, die 1969 zunächst in den Garnituren gewöhnlich, kursiv und halbfett herauskam. Sie wurde von Günter Gerhard Lange gemeinsam mit dem Atelier der Harris-Intertype in Berlin entwickelt. Die Schrift ist form- und dicktengleich auf den Systemen Staromat, Starsettograph, Diatype, Diatronic und auf der Fototronic-Setzmaschine der Intertype. Mehr noch, sie stimmte im Blei- und Fotosatz überein. Die Concorde sollte nicht allein eine alternative Zeitungsschrift zur damals alles beherrschenden Times sein, sondern in erster Linie den veränderten technischen Anforderungen des Rotations­drucks besser entsprechen.

Akzidenz-Grotesk

H. Berthold AG Faltblatt »drei mal pro«: Akzidenz-Grotesk, Akzidenz-Grotesk halbfett, Akzidenz-Grotesk schmal fett, undatiert

Wohl keine andere Schrift von Berthold ist so mit dem Namen Günter Gerhard Langes verknüpft wie die Akzidenz-Grotesk. Sie erschien bei Berthold erstmals 1898 unter dem Namen »Accidenz-Grotesk« und basiert auf vielen unterschiedlichen Schriften und Schnitten.

GGL erkannte früh das Potenzial dieser Schrift und setzte sie mit permanenter Überzeugungsarbeit gegen die Widerstände des Berthold-Vorstands durch. Schnell wurde die Akzidenz-Grotesk nicht nur zum absoluten Verkaufsrenner – sie machte 80% der Gussproduktion aus –, sondern auch zur maßgeblichen Schrift der Schweizer Typographie. Neben der Helvetica und Futura zählte die AG, so das bekannte Kürzel unter Fachleuten, zu den wichtigsten Grotesk-Schriften dieser Zeit und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Bislang ungeklärt ist die genaue Herkunft dieser Schrift. Günter Gerhard Lange ging in dem 1998 auf der TypoBerlin gehaltenen Vortrag »FT in B: Der unbekannte Schöpfer einer legendären Schrift« davon aus, dass die Akzidenz-Grotesk nicht wie allgemein angenommen von Berthold, sondern die Royal-Grotesk als Schlüsselquelle diene, und schrieb sie Ferdinand Theinhardt zu. Jedoch widerlegt Eckehart SchumacherGebler 2008 in der Publikation »schriftgestalten« diese These, dann Indra Kupferschmid in einem Blogbeitrag und schließlich ausführlicher Dan Reynolds 2019 in einem Artikel und Vortrag. Die genaue Herkunft der Akzidenz-Grotesk bleibt bis heute ungeklärt.

Bodoni Old Face

»Bodoni Old Face«, Berthold exklusiv Probe 011, undatiert

Der Schaffung der Bodoni Old Face ging die Analyse zahlreicher Original Bodoni-Drucke im Brotschriftbereich (Schriftgrößen zwischen 8 und 10 Punkt) voraus. Obwohl deutlich anders als die bekannten Schnitte, ist sie dennoch strikt den Originalen Bodonis verpflichtet. Sie erschien 1983 in acht Schnitten für den Fotosatz und wurde 2001 durch Bodoni Old Face Kapitälchen halbfett und kursiv und Bodoni Old Face Kapitälchen fett und kursiv erweitert.

» […] Die Bodoni Old Face ist meine Entdeckung. Ein bibliophiler Glücksfall, der mir bei der Durchsicht meiner Bücher buchstäblich in die Augen fiel. Diese Bodoni-Variante gibt es bei keinem Schriftenhersteller. […]«

Günter Gerhard Lange, Typografische Monatsblätter 2.2003

Imago

»Imago«, Berthold exklusiv Probe 010, undatiert

Die Imago ist eine serifenlose Linear-Antiqua mit klassizistischem Charakter, entworfen von Günter Gerhard Lange in acht Schnitten und 1982 für den Fotosatz bei der H. Berthold AG herausgebracht. Sie folgt der Tradition von Grotesk-Schriften der Jahrhundertwende wie der Kompakt Grotesk (1893) der Haas’schen Schriftgießerei, der Akzidenz-Grotesk (1898) der H. Berthold AG oder auch der Univers (1957) von Adrian Frutiger. Die Berthold Imago zeigt eine große Einheitlichkeit von Schriftzeichen zu Schriftzeichen und von Schriftschnitt zu Schriftschnitt. Im Jahr 2000 entstanden ergänzend die Schnitte Imago fett und kursiv und Kapitälchen für alle Schnitte.

Literatur

  1. Philipp Luidl [Hrsg.]: G.G.L.: Günter Gerhard Lange. Zusammensgestellt, herausgegeben und Günter Gerhard Lange gewidmet von Philipp Luidl. München: Typographische Gesellschaft München, 1983.

  2. Philipp Th. Bertheau [Hrsg.]: Buchdruckschriften im 20. Jahrhundert: Atlas zur Geschichte der Schrift. Darmstadt: Technische Hochschule, 1995.

  3. Yvonne Schwemer-Scheddin: »Gelebtes Leben ist gelebte Schrift«. In: Deutscher Drucker, Nr. 17, 2. Mai 1991. Seite g34 – g36.

  4. Yvonne Schwemer-Scheddin: »Ein azyklischer Geburtstagsgruß«. In: vier Seiten, Mitteilungen der Typographischen Gesellschaft München e.V., Ausgabe 17, März 2002. Seite 1–2.

  5. Typografische Monatsblätter, 71. Jahrgang, Heft 2. Sonderheft Günter Gerhard Lange. Zürich, 2.2003.

  6. Yvonne Schwemer-Scheddin: »Schrift, die spröde Geliebte – verlassen«. In: vier Seiten, Mitteilungen der Typographischen Gesellschaft e.V.,Ausgabe 39, März 2009. Seite 1–3.

  7. Wolfgang Beinert: Lange, Günter Gerhard. In: Typolexikon.de, Das Lexikon der Typografie. Online verfügbar unter https://www.typolexikon.de/lange-guenter-gerhard/, abgerufen am 31.3.2021.

Abbildungen

  1. Handschriftliches Zitat GGL, Bestand Kirsten Solveig Schneider

  2. Arena, Boulevard, Concorde, Akzidenz-Grotesk: Probe Nr. 476: Berthold-Schriften / Caractéres Berthold / Tipos Berthold / Berthold Types, undatiert [ca. 1970]

  3. Arena: Berthold Specimen No. 543, undatiert

  4. Alphabet Arena, Boulevard, Regina: Philipp Luidl [Hrsg.]: »G.G.L.«, 1983

  5. Concorde: Schriftprobe »Weshalb ist die neue Antiqua Concorde von Berthold …«, undatiert [um 1969]

  6. Akzidenz-Grotesk: AG Faltblatt »drei mal pro«, undatiert

  7. Akzidenz-Grotesk Alphabet: Berthold exklusiv Probe 013, undatiert

  8. Alle Abbildungen Bodoni Old Face: Berthold exklusiv Probe 011, undatiert

  9. Alle Abbildungen Imago: Berthold exklusiv Probe 010, undatiert